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Faschismus

Wer hat die Büchse der Pandora des Faschismus in Deutschland geöffnet?

Wegbereiter des NS: Elitäre Schuld vs. gesellschaftliche Komplizenschaft am Scheitern Weimars

Die Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere der industriell organisierte Massenmord und die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs, markieren einen Zivilisationsbruch, der die internationale Politik bis heute prägt. Während die Bedeutung externer Faktoren – wie die politische Instrumentalisierung des Versailler Vertrags – historisch weitgehend unumstritten ist und später maßgeblich die Motivation zur europäischen Einigung beeinflusste, herrscht über die innenpolitischen Ursachen des NS-Aufstiegs weniger Konsens. Zentral ist dabei die Frage der Verantwortlichkeit: War die Weimarer Republik primär durch das Versagen ihrer konservativen Eliten zum Scheitern verurteilt, oder wurde der Nationalsozialismus von einer breiten gesellschaftlichen Basis getragen? Um diese unterschiedlichen Erklärungsansätze zu beleuchten, werden im Folgenden die Positionen zweier Historiker gegenübergestellt. Der Franzose Johann Chapoutot fokussiert sich auf die Schuld der konservativen Oberschicht, während der deutsche Historiker Götz Aly die These einer Gefälligkeitsdiktatur vertritt, die auf breiter Zustimmung in der Bevölkerung basierte. Diese Auswahl dient der exemplarischen Darstellung kontroverser Forschungsmeinungen zur Frage, wer Hitler den Weg zur Macht ebnete. Teil 1: Johann Chapoutot In seinem Buch „Les Irresponsables“ (Die Unverantwortlichen) widmet sich Johann Chapoutot jenen Kreisen, die das Potenzial der NSDAP zunächst unterschätzten und durch ihr Handeln letztlich den Weg zur Macht Hitlers ebneten. Für Chapoutot sind diese „Unverantwortlichen“ vor allem die konservativen Eliten, die durch ihre enge Verstrickung mit den monarchistisch-militärischen Milieus der Weimarer Republik von Anfang an feindlich gegenüberstanden. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Ausrufung der Republik verbreiteten sie die spätere Dolchstoßlegende, wonach das Heer des Kaiserreichs eigentlich unbesiegt geblieben sei, aber Linke und Juden der Armee „in den Rücken gefallen“ seien. Dieses konstruierte Narrativ diente als ideologischer Nährboden für die ablehnende Haltung vieler Deutscher gegenüber der jungen Demokratie und legte zugleich den Grundstein für den von der NSDAP propagierten Antisemitismus. Chapoutot analysiert insbesondere die Top-down-Effekte dieser monarchistisch-militärischen Elite. Diese beherrschte maßgeblich Verwaltung, kulturelle sowie politische Institutionen und fungierte als dominanter Meinungsmacher, um Revanchismus und Antisemitismus zu befeuern. Diese Dominanz verstärkte sich mit der Wahl Paul von Hindenburgs zum Reichspräsidenten 1925 – einem Moment, den Historiker als die „konservative Umgründung“ der Weimarer Republik bezeichnen. 1930, mit der Ernennung von Heinrich Brüning zum Reichskanzler, endete laut Chapoutot faktisch die parlamentarische Demokratie. Das Präsidialkabinett instrumentalisierte Artikel 48 der Weimarer Verfassung, um die Macht zu zentralisieren, was jedoch nicht zur politischen Stabilität führte. Stattdessen wuchs die Zustimmung zu den Parteien, die die Republik abschaffen wollten – vor allem KPD und NSDAP – ebenso wie die politische Gewalt. Die Weltwirtschaftskrise verstärkte die Instabilität, besonders weil die Konservativen mit ihrer ab 1930 weitreichenden Macht keine politischen Lösungen fanden. Neben dem "Freiwilligen Arbeitsdienst", welcher durch Kürzungen von Sozialleistungen und die Einführung von Zwangsarbeit die Not des Prekariats verschärfte, wurde eine strikte Deflations- und Austeritätspolitik durchgesetzt. Dies führte zu einer Verstärkung der Rezession, steigender Arbeitslosigkeit und einem massiven Rückgang der Kaufkraft. Die konservativen Eliten ebneten der NSDAP also den Weg – zum einen durch die Unfähigkeit, ihre Macht zur Lösung der ökonomischen Krise zu nutzen, zum anderen durch ihre beständige Befeuerung von Revanchismus und Antisemitismus. Die dauerhafte Delegitimierung der Republik führte zu einer Schwächung des demokratischen Zentrums. Vor diesem Hintergrund sahen sich die Konservativen zunehmend gezwungen, zwischen der kommunistischen Linken und der aufstrebenden NSDAP abzuwägen, um ihre eigene Macht zu sichern. Der ausgeprägte Antikommunismus sowie inhaltliche Schnittmengen mit der NSDAP – besonders bei der Stärkung des Militärs, der Ablehnung des Versailler Vertrags und der Sicherung industrieller Eigentumsrechte – führten schließlich zur Machtübergabe. Obwohl Reichskanzler Franz von Papen 1932 noch dem Irrglauben anhing, Hitler politisch zähmen zu können, und Figuren wie Kurt von Schleicher vergeblich versuchten, die NSDAP durch die Integration des „linken“ Flügels um Gregor Strasser zu spalten, mündete das Taktieren der Eliten am 30. Januar 1933 in der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Teil 2: Götz Aly Für Götz Aly ist der Nationalsozialismus als Massenbewegung groß geworden – eine Bewegung, die sich über alle gesellschaftlichen Schichten erstreckte. Kulturelle, soziale und wirtschaftliche Bedingungen sorgten dafür, dass eine breite Masse für diese Bewegung empfänglich war. In einem Interview betont er mehrfach: „Ohne Demokratie kein Hitler!“ Jahrhundertelang herrschten in Deutschland autoritäre Strukturen. An die „Kultur des Kompromisses“, für die Deutschland in der EU heute bekannt ist, war damals noch nicht zu denken. Im „Experiment“ Weimarer Republik betrachteten sich die politischen Lager als Feinde statt als Gegner. Zu diesem feindseligen Klima trugen nicht nur die Konservativen und die NSDAP bei, sondern auch die Kommunisten und zu einem gewissen Grad die Parteien der Mitte, einschließlich der Sozialdemokraten. Durch das Entstehen der parlamentarischen Demokratie waren sich die Parteien ihrer potenziellen neuen Macht bewusst, nachdem sie während der Kaiserzeit nur bedingten Einfluss hatten. Dies veranlasste die Parteien, sich umso stärker voneinander abzugrenzen. Die Verrohung der politischen Sprache ging einher mit der Gewöhnung an physische Gewalt. Diese zeichnete sich von Anfang an ab: Es begann mit dem Spartakusaufstand 1919 und den Kämpfen zwischen paramilitärischen Freikorps und Kommunisten. In den 1920er Jahren waren politische Morde (etwa an Matthias Erzberger oder Walther Rathenau) keine Seltenheit. Die Gewalt eskalierte besonders in Straßenkämpfen zwischen der SA und dem Roten Frontkämpferbund, welche sich nach der Weltwirtschaftskrise 1929 noch einmal verschärften. Aly betrachtet diese Gewöhnung an die Gewalt nicht nur als Erklärung für die spätere Grausamkeit im KZ-System. Die Allgegenwart der politischen Gewalt sorgte dafür, dass die Gesellschaft im Wahlkampf weniger von der offen gewaltbereiten NS-Programmatik geschockt war. Viele Menschen erhoben die NSDAP zunehmend zur Ordnungsmacht, die einfache Antworten auf das Chaos versprach. Zwar spielten die taktischen Fehler der konservativen Eliten dem Nationalsozialismus in die Hände, doch argumentiert Aly, dass die Konservativen gar nicht erst in die Zwangslage geraten wären, zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten wählen zu müssen, wenn die NSDAP früher auf geschlossenen Widerstand der progressiven Kräfte gestoßen wäre. KPD und SPD pflegten jedoch ihre Feindschaft, anstatt sich in der Situation der unmittelbaren Gefahr zu einigen. Die KPD zielte von Beginn an auf einen Umsturz der Demokratie ab und trug durch ihr hohes Maß an verbaler Aggression zur Vergiftung der Debattenkultur bei. Die Sozialdemokraten wurden dabei als „Sozialfaschisten“ diffamiert – besonders prägend ist hierbei die „Sozialfaschismus-Rede“ von Ernst Thälmann. In die von Aly beschriebene kollektive Verantwortung bezieht er ebenfalls die Gewerkschaften ein, die auf gemeinsame Protestaktionen mit Akteuren der KPD und des Zentrums verzichteten. So kam es, dass der Widerstand gegen die Nationalsozialisten während der Weimarer Zeit fragmentiert blieb. Ein Hauptargument Alys für den Charakter einer Massenbewegung ist der damals verbreitete soziale Neid gegenüber jüdischen Mitbürgern. Dieser wurde nicht nur von Konservativen und radikalisiert von Nationalsozialisten propagiert, sondern in ambivalenter Weise auch von Kommunisten getragen. Die KPD förderte durch die Propagierung des Gegensatzes „Arbeiterklasse gegen Bürgertum“ indirekt antisemitische Stereotype, da das Judentum oft pauschal mit dem Kapital assoziiert wurde. Aly beschreibt in seinen Büchern ausführlich, dass die jüdische Bevölkerung tendenziell über mehr Wohlstand und Bildung verfügte. Als Beispiel nennt er die Dichte an Telefonanschlüssen in Stuttgart: Während jüdische Bürger um 1900 nur 1,5 % der Einwohner ausmachten, waren 20 % der Telefonanschlüsse auf sie registriert. Die starke intellektuelle Förderung in jüdischen Familien erklärte ihre überproportionale Vertretung in akademischen Berufen. Aly hebt besonders den Antisemitismus bei jenen Menschen hervor, die damals als Erste in ihrer Familie ein Studium begannen und in jüdischen Mitbewerbern Konkurrenten sahen. Bemerkenswerterweise verfügten fast alle Teilnehmer der Wannsee-Konferenz über akademische Grade – eine Ausnahme bildete lediglich Reinhard Heydrich, der als ehemaliger Offizier keinen Abschluss besaß. Sowohl der Revanchismus als auch Gier und sozialer Neid durchdrangen die gesamte deutsche Gesellschaft – ob gebildet oder ungebildet, reich oder arm, alt oder jung.

18. Feb. 2026Lehren der Geschichte