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Veröffentlichungen von Moritz Maibaum

Eine verwelkende Rose auf rotem Hintergrund (Illustration)

Für die SPD geht es 2026 ums Überleben. Woran liegt das?

Das Jahr 2026 markiert für die deutsche Sozialdemokratie keinen gewöhnlichen Wahlzyklus – es ist der Beginn eines Überlebenskampfes. Wer denkt, die Wortwahl sei polemisch, der sollte sich die resignierten Reaktionen lokaler SPD-Politiker auf die ersten Hochrechnungen am Abend ansehen. Mit enttäuschenden 5,5 Prozent der Stimmen entgeht die SPD nur um Haaresbreite dem Rauswurf aus dem Stuttgarter Landtag und halbiert ihr ohnehin schon schwaches Ergebnis von 2021 (11,0 Prozent). Deutschlands älteste demokratische Partei, die auf eine über 160-jährige Historie zurückblickt, verzeichnete in Baden-Württemberg in den 1970er Jahren noch verlässlich Ergebnisse von über 30 Prozent. Heute ist sie auf das Niveau einer marginalisierten Kleinpartei geschrumpft. Doch wer diesen Niedergang als bloßen "Betriebsunfall" oder als unvermeidliche Quittung für den Bundestrend abtut, irrt. Wir zeigen: Die Krise der SPD ist hausgemacht, und ihr Kernproblem ist nicht in erster Linie das Parteiprogramm, sondern Personal und Kommunikation. Der "GroKo-Effekt", der keiner war In der politischen Analyse ist es ein beliebter Reflex, schlechte Landtagswahlergebnisse der Regierungsparteien mit Frust über die Bundespolitik zu erklären. Doch die Zahlen aus Baden-Württemberg demontieren diese These. Während die SPD in die Bedeutungslosigkeit stürzt, konnte die CDU – als Kanzlerpartei der weitaus sichtbarere Partner in der Berliner GroKo – in Baden-Württemberg im Vergleich zu 2021 signifikant zulegen und erreichte 29,7 Prozent. Es gibt also bei dieser Wahl keinen pauschalen "Anti-Regierungs-Effekt". Die baden-württembergischen Wähler haben nicht die Bundesregierung abgestraft; sie haben ein Urteil über das spezifische politische Angebot und das Führungspersonal der Südwest-SPD gefällt. Köpfe schlagen Programme Das Hauptproblem der SPD offenbarte sich in der Kampagnenführung, die den eklatanten Unterschied zwischen einem technokratischen Programm und politischer Führung aufzeigt. Die SPD zog unter dem Slogan „Weil es um dich geht“ in den Wahlkampf. Die dazugehörigen Plakate wirkten wie eine Stunde aus dem Politikunterricht. Zwar traf die SPD aktuelle Bedenken der Deutschen mit ihren Sprüchen, verpackte die Botschaft aber in Semantik, die an ihrer Passivität kaum zu überbieten ist (zum Beispiel "Weil es um sichere Jobs geht, wenn es um Wirtschaft geht"). Spitzenkandidat Andreas Stoch – ein verdienter Parteiveteran, aber weitgehend ohne Charisma und überregionales Profil – verkörperte den Stillstand. Bezeichnend für die Entfremdung der Partei von ihrer einstigen Kernklientel war ein fataler Wahlkampf-Fauxpas Stochs: Nach dem Besuch einer Tafel während eines Wahlkampfauftritts (wohlgemerkt verwendete man in der Vergangenheit den Begriff "Armenspeisung") wies er seinen Fahrer vor laufender Kamera im Auto an, eine Entenpastete im benachbarten Frankreich zu kaufen. Es sind solche Momente der unfreiwilligen Tragikomik, die das Bild einer Akademiker-Partei zementieren, die die Lebensrealität der klassischen Arbeiterschaft aus den Augen verloren hat. Der grüne Gegenentwurf hätte härter nicht ausfallen können. Die Grünen – mit 30,2 Prozent knapper Wahlsieger – spielten die Charakterschwäche der SPD gezielt aus. Ihre Plakate zeigten Cem Özdemir und mitunter auch Winfried Kretschmann mit dem Slogan „Sie kennen IHN“ oder „Ministerpräsident muss man können. Özdemir – der kann es“. Die Grünen setzten alles auf eine Karte: Exekutiverfahrung, landesväterliche Strahlkraft und absolute Bekanntheit. Özdemir war stark genug, um die Partei im Alleingang über die Ziellinie zu tragen. Er personifizierte Führungsanspruch, während Stoch lediglich Parteitagsbeschlüsse auf seinen Plakaten referierte. Wählerwanderung: Ausbluten in die Mitte Wählerwanderungsdaten von infratest-dimap unterstreichen diese These. Die SPD hat ihre Wähler nicht primär an die politischen Ränder verloren, sondern an die Pragmatiker in der Mitte. Rund 100.000 ehemalige SPD-Wähler wanderten direkt zu den Grünen ab. Dies ist teilweise mit taktischem Wählen zu erklären – sozialorientierte Wähler wollten in Teilen einen CDU-Ministerpräsidenten Manuel Hagel verhindern und stärkten daher Özdemir. Doch dieses "Ausleihen" von Stimmen funktioniert nur, wenn das eigene Personal als entbehrlich wahrgenommen wird. Wer der SPD den Rücken kehrt, wechselt nicht zwingend das ideologische Lager; er resigniert vor der öffentlichen Leere der Partei. Da die Wahlbeteiligung insgesamt deutlich auf 69,6 % gestiegen ist (im Vergleich zu 63,8 % im Jahr 2021), ist die SPD eine der wenigen Parteien, die kaum von der Mobilisierung ehemaliger Nichtwähler profitieren konnte. Während CDU, Grüne und vor allem die AfD massiv Nichtwähler mobilisierten, verlor die SPD im Saldo eher Anhänger an andere aktive Lager oder konnte enttäuschte Wähler nicht reaktivieren. Ein drohender Flächenbrand Das Desaster im Südwesten ist für die SPD-Parteizentrale im Willy-Brandt-Haus kein isoliertes Phänomen, sondern der Vorbote eines nationalen Flächenbrands. Ein Blick auf die anstehenden Wahlen im Jahr 2026 zeigt, wie sehr das Fundament der Volkspartei bröckelt. In Manuela Schwesigs Mecklenburg-Vorpommern, einst eine rote Festung, implodiert die SPD in aktuellen Umfragen von ehemals knapp 40 Prozent bei der letzten Wahl auf 23 Prozent, während die AfD enteilt. In Rheinland-Pfalz, einem Bundesland, das die SPD seit über drei Jahrzehnten regiert, hat sie die Führung in den Umfragen an die CDU (28 zu 27 Prozent) verloren. In den strukturell schwierigen Gebieten im Osten, wie Sachsen-Anhalt, verharrt die SPD bei 8 Prozent längst auf dem Niveau einer Splitterpartei. Selbst im urbanen Raum, wie im traditionell linken Berlin, liegt sie abgeschlagen bei 16 Prozent auf dem dritten Platz. Die Schwäche ist omnipräsent. Es war einst eine Volkspartei Die SPD zerreißt an einem programmatischen Spagat, den ihr derzeitiges Personal nicht überbrücken kann. Wie Berichte von der Parteibasis zeigen, klafft eine tiefe Lücke zwischen dem akademischen, links-progressiven Flügel (verkörpert etwa durch die Jusos) und den pragmatischen, sicherheitsorientierten Erwartungen der traditionellen Arbeiterschaft und Gewerkschafter in den Industriezentren. Wahlen aber, das hat Baden-Württemberg 2026 unmissverständlich bewiesen, sind zunehmend Personenwahlen. Ohne charismatische Führungspersönlichkeiten vom Format eines Johannes Rau, die diesen internen Spagat authentisch moderieren und Vertrauen in breiten Wählerschichten ausstrahlen können, verpuffen auch technisch hochwertige Wahlprogramme ("7 Gründe, diesmal SPD zu wählen") im Nichts. Wenn die Sozialdemokratie aus dem Schock von Stuttgart nicht rasch radikale Schlüsse in ihrer Personal- und Kommunikationsstrategie zieht, wird 2026 nicht nur als das Jahr eines verlorenen Landtagswahlkampfes in die Geschichte eingehen – sondern als das Jahr, in dem die SPD aufhörte, eine Volkspartei zu sein.

9. März 2026Parteimonitor